München, 1980er: Der Queen-Sänger Freddie Mercury lebt in der Stadt, genießt das Nachleben, frequentiert die Lokale der Gay-Community. Auf seinen Spuren entsteht das Portrait einer Zeit zwischen Party und Aids-Epidemie. Ein München, von dessen Orten und Menschen heute viele verschwunden sind.
Thea-Redakteurin Simone Lutz war in der Premiere
Queen-Sänger Freddie Mercury, der von 1979 bis 1985 in München lebte, ist ein städtischer Mythos. Die „Royality“ der Stadt, eine schillernde König Ludwig-Figur gekippt ins 20. Jahrhundert. In der „Spurensuche“ des Regisseurs Michał Borczuch ist der Star erst mal eine Leerstelle. Samtig ausgekleidet ist die Bühne – ein Saunaclub im Retroambiente mit reichlich Bühnennebel. Darin fünf Männer und an der Wand: der Abdruck einer menschlichen Silhouette. „Ich erinnere mich, er saß da drüben in der Sauna. Ganz allein. Fiel nicht groß auf.“ Zeitzeugenstimmen sind es, die hier versammelt werden und bald wegdriften von Mercury, hin zu einer Zeit, in der Homosexualität strafbar war und Münchens vibrierende schwule Szene ein „Underground, wo man zwar verdeckt, aber frei leben kann.“ Dann kam Aids, veränderte alles und Freddie Mercury verließ die Stadt.
Star, Trugbild, Sterbender
Auf der Bühne dagegen vervierfacht er sich im zweiten Teil des Stücks: Vincent Glander, Thomas Hauser, Max Mayer und Pujan Sardi geben in weißen Hosen, roten Hosenträgern, mit Schnauzer und auf Englisch (deutsche Übertitel) den Mercury. Nicht den Queen-Frontman, sondern jenen schwer zu fassenden der TV-Interviews. Aus ihnen entlehnen die Schauspieler ihre Worte und Gesten auf der Suche nach der Person hinter dem Star. Das ist faszinierend und manchmal auch ein wenig mühsam, weil der dokumentarische Ernst einen doch recht auf Abstand hält.
Und dann verlässt das Stück die dokumentarische Ebene und lässt einen im letzten melancholischen Monolog Freddie Mercury am nächsten kommen. Es ist ein schöner Text, den Michał Borczuch dem 1991 an Aids sterbenden Star in den Mund legt. Am ergreifendsten aber – und das ist deshalb frappierend, weil die Musik von Queen in diesem Stück kaum aufscheint – sind die Songzitate. Wenn Vincent Glander mit Bohemian Rhapsody beginnt, jenem Song, der angeblich Mercurys heimliches Outing war, bekommen die Zeilen ein anderes Gewicht: „Mama, life had just begun. But now I've gone and thrown it all away“.
Fazit: Mercury ist kein Biopic, kein Starportrait und keine Queen-Nostalgie. Es ist der Versuch, jene Leerstellen mit einem Hauch von Leben zu füllen, die die vielen Aids-Toten hinterlassen haben. Auch eine Hommage an die Überlebenden, an jene schwule Community, für die der Christopher Street Day noch keine Party, sondern lebenswichtiger Kampf um Anerkennung war. Und es ist eine Warnung vor der heute wieder ansteigenden Queer-Feindlichkeit. „Menschen sind gestorben, aber sie sind mit der Hoffnung gestorben, dass die nächste Generation es besser haben wird.“
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